Mit Gesundheit rechnen

29. Oktober 2022
Dr-Josef-Scheiber
Dr. Josef Scheiber, gründete 2013 die BioVariance GmbH in Waldsassen. Zuvor war der gebürtige Tirschenreuther für die großen Pharmaunternehmen Novartis und Roche in Boston / USA und der Schweiz tätig gewesen. Bildquelle: Landratsamt Tirschenreuth

Dr. Josef Scheiber, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der BioVariance GmbH, liebt Grafiken, Bioinformatik und das Unternehmerdasein. Seine Firma startete 2013 als Dienstleister für die Pharmaindustrie, führt derzeit etwa eine Studie im Zusammenhang mit COVID durch. Eigentlich ist es aber die digitalisierte Biologie, die den Molekularbiologen, Bioinformatiker und Pharmazeuten interessiert. Dabei heraus kommt individualisierte Medizin für Darmkrebs- und Depressionspatienten mit deutlich besseren Heilungschancen – und das schon in naher Zukunft.

Sie sagen „In zehn Jahren ist Krebs eine chronische Krankheit“ – wieso?

 

Biomedizinische Daten werden durch die digitale Transformation immer leichter verfügbar – und zwar nicht allmählich, sondern in immer schnellerer Geschwindigkeit. Heute kostet es einen zweistelligen Betrag, hier in Waldsassen eine Genomsequenzierung durchzuführen, vor nicht allzu langer Zeit war dazu ein zweistelliger Millionenbetrag notwendig. Wie sich Fortschritt und Technologie beschleunigen, sehen Sie auch daran, dass es 1950 noch 50 Jahre gedauert hat, ehe sich das medizinische Wissen verdoppelt hat – heute sind dies 48 Tage. Und der Grund dafür ist digitale Analyse, also Validierung und Interpretation von Daten.

 

… die aktuell gängige Definition von KI…

 

Ja, aber das ist genau das, was ich seit 15 Jahren mache, damals war dies zufällig genau der Titel meiner Doktorarbeit. Wesentlich ist dabei eines: Durch die in vielen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, vollkommen öffentliche Verfügbarkeit von enormen Mengen an Gesundheitsdaten sind wir mit Hilfe von Software in der Lage, Krankheiten viel besser zu verstehen: Aus einer Krankheit ‚Leukämie und Lymphom‘ wurden so in den vergangenen 20 Jahren 138 verschiedene Krankheiten, alle mit unterschiedlichen Therapien. Das hat dazu geführt, dass sich allein seit 2012 die Überlebensdauer von Krebspatienten um vier Jahre verlängert hat.

 

Der Computer löst also den Arzt ab?

 

Ich würde eher sagen, wir geben dem Arzt eine Art GPS in die Hand, ein Navi für seine Interaktion mit dem Patienten. Das ist deshalb notwendig, weil sich das medizinische Wissen viel zu schnell vermehrt als dass hier noch jemand händisch folgen könnte. In der Praxis bedeutet dies, dass wir mittelfristig aus einer Blutprobe, die uns die Praxis schickt, eine genaue Diagnose etwa der Krebsart anhand des Vergleichs mit Millionen Datensätzen weltweit erstellen können und verknüpft mit medizinischem Wissen auch eine Empfehlung für das wirksamste Medikament für diesen individuellen Fall.

 

Personalisierte Medizin durch Informationstechnologie statt „One fits all“ – ist das die Zukunft?

Meiner Meinung nach ist es genau das.

 

Welche Rolle spielen dabei einzelne Personen, wie etwa die durch die Medien bekannten Impfstoffentwickler Uğur Şahin und Özlem Türeci, die ja nun Prominentenstatus genießen?

Forschung führt immer mehrere zusammen, und Ergebnisse sind letztlich das Werk von vielen. Allerdings hat Biontech jetzt die Anerkennung, die der Firma zukommt, absolut verdient, einfach aufgrund der Tatsache, wie es ihnen gelungen ist, die Forschungsergebnisse in unglaublich schneller Zeit zur Marktreife zu bringen.

 

Die Impfstoffentwickler lassen sich zitieren mit dem Aussage, es gehe ihnen nicht ums Geld, sondern um das Wohlergehen. Was war Ihre Motivation, einen Super-Job als jüngster Abteilungsleiter in einer großen Pharmafirma mit Stationen in Boston / USA und der Schweiz aufzugeben und stattdessen ein Unternehmen in der Nordoberpfalz zu gründen?

 

Ich wollte immer schon etwas Eigenes machen und meine ganze Studien- und Berufslaufbahn war Interessen getrieben. Zwar hat mich schon in der Schule Informatik interessiert, das reine Programmieren fand ich aber zu langweilig. Deshalb kam die Molekularbiologie dazu, dann die Pharmazie. Und ja, ein paar meiner ehemaligen Kollegen fanden es verrückt, zu kündigen. Letztlich ist das aber ja genau das Risiko, das man mögen muss, wenn man Gründer ist: Fortschritt, Innovation entsteht tatsächlich nur dann, wenn man Sachen macht, die vorher noch keiner gemacht hat.

Karte - Biovariance
Provinz oder Welt: an diesen Orten wurden die wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. Josef Scheiber schon zitiert.

BioVariance GmbH

Die BioVariance GmbH wurde 2013 in Waldsassen gegründet. Das multidisziplinäre Team besteht aus 20 Mitarbeitenden, die innovative Lösungen für die Präzisionsmedizin in den Gesundheits-, Biotechnologie- und Pharmasektoren entwickeln.

 

In Kooperation mit Ärzten bietet BioVariance eine Langzeitüberwachung der molekularen Charakteristika des Patienten, um Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Interaktionen von Medikamenten vorherzusagen und individuell die passende Medikation und Dosierung zu ermitteln.

 

 

Hochmoderne Automatisierungs- und Parallelisierungstechnik, Maschinelles Lernen und mathematische Algorithmen werden in einer maßgeschneiderten Analysepipeline für biomedizinische Daten kombiniert.

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